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Stand: 30.12.2008

Gaunerzinken

Gaunerzinken

 

Auch im 20. Jahrhundert wurden noch Gaunerzinken benutzt

Beitrag des Erlanger Tagblatt (?) vom 16.2.1989

Fahrende Handwerksgesellen und Hausierer verständigten sich nach einem eigenen Zeichensystem - Erinnerung an frühere Zeiten

Die Blütezeit der fahrenden Hausierer, Handwerker und Bettler lag nach dem Ersten Weltkrieg. Mit geheimen Zeichen an Gartenpfosten oder Türstöcken verständigten sich die fahrenden Männer untereinander, wo es etwas zu holen gab oder wo man besser gleich einen großen Bogen schlug. Valentin Fürstenhöfer, Geschäftsführer des Gebietsausschusses Rangau-Franken, hat seine Erinnerungen an damals aufgezeichnet.

Schimpfend kam meine Mutter die Treppe herauf: "Es ist doch schrecklich mit diesen Lausbuben! Jetzt haben sie schon wieder die Gartensäulen vollgekritzelt. Wir haben sie doch erst kürzlich saubergemacht. Was soll man denn da tun? - Wehe, wenn ich einen erwische!" Ich sprang die Treppe hinab und schaute mir die Gartensäulen an. Auf der einen war ein Zeichen, das wie ein Männlein aussah, auf der anderen Säule ein Kreis mit einem Kreuz.

"Sprich doch einmal mit dem 'Schandarm'", sagte meine Mutter zu meinem Vater, "ob man dem Rätsel nicht auf die Spur kommen kann. Es kommt mir alles so sonderbar vor. Dann kannst du auch gleich die Sprache auf die Bettler und Hausierer bringen, die uns seit einiger Zeit förmlich überschwemmen. Es vergeht ja kaum ein Tag, daß sie nicht vor der Türe stehen. Es ist eine richtige Landplage geworden." - "Vergiß nicht, daß ein verlorener Krieg hinter uns liegt", meinte mein Vater. "Viele Menschen sind arbeitslos. Woher soll der Staat das Geld nehmen, um sie zu ernähren?"

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Mein Vater besprach alles mit dem Gendarmerie-Wachtmeister, und als er abends heimkam, sagte er lachend zu uns: "Nun wissen wir Bescheid, was es mit den Zeichen für eine Bewandtnis hat. Die Schulkinder haben damit nichts zu tun. Es sind die Bettler, die eine Geheimsprache haben und sich durch besondere Zeichen an den Häusern, Scheunen und Gartensäulen untereinander verständigen. Der Wachtmeister hat sich die Kritzeleien angesehen und nachgeprüft, was angebliche Männlein und die Ringe, auch mit dem Kreuz, zu bedeuten haben. Es hat sich nämlich unter der Bettlerzunft herumgesprochen, daß wir eine mildtätige Hand haben und man in unserem Haus nicht abgewiesen wird!"

Das alles spielte sich nach dem Ersten Weltkrieg ab, der viele Menschen ins Unglück gestürzt und brotlos gemacht hatte. Nun mußte man freilich unterscheiden zwischen wirklich notleidenden Menschen, Landstreichern und erwerbsmäßigen Tippelbrüdern. Viele stellten sich als arbeitslose Handwerksburschen dar, was sie aber nicht waren. Diese "Berufsbezeichnung" war in Mißkredit geraten, denn in unserem Jahrhundert gab es keine echten Handwerksburschen mehr. Der Nachweis einer dreijährigen Wanderschaft mußte von den Handwerksgesellen nicht mehr erbracht werden.

Aber die Bezeichnung "Handwerksbursche" hatte sich für das "wandernde Volk" eingebürgert. Die wirklichen Bettler waren sehr selten geworden, meist handelte es sich nur noch um "Hausierer", die teils mit, teils ohne Wandergewerbeschein ihren überteuerten Kleinkram an den Mann bringen wollten und, wenn kein Geschäft zustandekam, ihre schlechten Familienverhältnisse und eine große Kinderschar vortäuschten....

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Das Gaunerleben, Rotwelsch und Spitzbubenausbildung

Beitrag dem Buch Carsten Küther, Räuber und Gauner in Deutschland, Göttingen 1976, ab S. 76 entnommen

.... Banditen waren in der Lage, sich durch die Gaunersprache, das sogenannte 'Rotwelsch' unerkannt miteinander zu verständigen. Die Sprache wurde bei den Gaunern regelrecht unterrichtet. Der junge Mahr gab an, »Er könne die Spitzbubensprache vollkommen. Denn sein Vater habe ihn immer deshalb geschlagen, und gesagt: Du Strick und Widstock, willst du nicht platt [Gaunerwort für vertraut, in anderen 'Dialekten': kochem] werden!«

Die Bedeutung der Geheimsprache für den Untersuchungsrichter wurde von den Verfassern der späteren 'aktenmäßigen Geschichten' und ähnlicher Werke recht klar erkannt. Sie fügten daher ihren Büchern jeweils lexikalische Anhänge bei, um dem Leser die Möglichkeit zu geben, sich einige wichtige Ausdrücke anzueignen, um so vielleicht Gefangene im Verhör zu überlisten. Eine "Rotwelsche Grammatik", die bereits 1755 in Frankfurt erschien, wollte insbesondere Reisenden ermöglichen, in Wirtshäusern Gauner zu belauschen, um so deren Anschlägen entgehen zu können; sie war gewissermaßen ihrer Zeit voraus. Die Gaunersprache war im Prinzip allen Banden nicht nur des deutschen Sprachraums eigen. Sie entwickelte und ergänzte sich teilweise aus jüdischen und zigeunerischen Elementen und verfügte, ja nach dem, welches Element überwog, auch über eigene Dialekte und Provinzialismen. Die Existenz und die entwickelte Form dieser Sprache mag u.a. die Qualität der Banden als gewissermaßen 'gegengesellschaftliche Konkurrenzorganisation' eindrucksvoll hervorheben.

War in der Haft ein direkter Kontakt mit Komplizen nicht möglich, weil etwa der Richter jede Unterhaltung unterband, dann wurden heimliche, kaum sichtbare Zeichen angewandt. Vom Untersuchungsrichter konnten sie normalerweise, wenn er sie überhaupt bemerkte, nicht gedeutet werden. An sich unverfängliche Briefe an Verwandte wurden mit Geheimtinte oder anderen Tinkturen präpariert. Genossen, die noch in Freiheit waren, konnten so über den Grad des eigenen Geständnisses informiert werden; Zeugenaussagen wurden abgesprochen, Eigenarten des Richters und Möglichkeiten zum Ausbruch mitgeteilt und erörtert.

Andere Gaunerzeichen, gezeichnete Symbole oder sogenannte 'Zinken', waren auch für das Leben in Freiheit von großer Bedeutung. Hans Groß, der bekannte Kriminalist um 1900, maß ihnen denselben Zweck zu wie den alten Handelsmarken und den Zeichen bestimmter Handwerksberufe.

Wappen, Hausmarken, Künstler- und Steinmetzzeichen, Handelsmarken, Walen, Bettel- und Gaunerzinken, endlich Mordbrennerzeichen - sie sind alle psychologisch dasselbe, und entsprechen dem Bestreben der Menschen, sich und ihr Treiben deutlicher, plastischer zum Ausdrucke zu bringen, und dies in einer Weise zu tun, welche die Zusammengehörigkeit, modern gesprochen die Organisation einer Gesellschaftsgruppe zeigt und auch andern gegenüber festhält...

Als Beispiel für die Funktionsweise der 'Zinken' führte Groß ein Mordbrennerzeichen vor, das an der Wand einer einsamen thüringischen Waldkapelle gefunden worden war:

      Hier fehlen noch alle Abbildungen. Sie werden demnächst nachgeliefert.     nach oben

Die erste Zeile war die Aufforderung, die zweite die Bestätigung der Kenntnisnahme. Die erste Zeile bedeutete: In der Richtung des Pfeiles das vierte Haus von hier wird in der Nacht des nächsten letzten Mondviertels überfallen. Um dies verstehen zu können, dazu war die Kunst des Bücherlesens nicht nötig, aber Gauner mußte man sein, um es zu verstehen, und jeder, der die Aufforderung zu deuten vermochte, war als Helfer willkommen. Nun kam allerlei fahrendes Gesindel vorbei, es las die Aufforderung und jeder, der an der Sache teilnehmen wollte, machte nun mit Blei, Rötel, Kohle oder Messer sein Handzeichen dazu. Und jeder Gauner hatte sein Zeichen, das alle des gleichen Gelichters wohl kannten...

[Die Symbole der zweiten Zeile: Vogel, Würfel, Schlüssel, Topf, Kette waren die] ... fünf Zeichen von fünf Mordbrennern, auf deren sicheres Eintreffen der Arrangeur der Sache, wenn er nachsah, mit Bestimmtheit rechnen konnte.

Schon 1556 wurden die Stadtwachen württembergischer Orte durch einen herzoglichen Erlaß aufgefordert, auf Fremde zu achten, die in irgendeiner Weise auffielen, besonders »...auch sonst mit Zeichen maln an die Thor, Herbergen oder in ander weg...«

Die Gaunerzinken existierten in den verschiedenartigsten Formen. Neben graphischen Zinken gab es optische Zinken und akustische, zu denen im weitesten Sinne auch die Gaunersprache zu rechnen ist. Klopfzeichen, mit denen sich Zellennachbarn verständigten, gehörten dazu, ebenso Handzeichen, die an das Taubstummenalphabet erinnern. Bettler informierten Zunftgenossen durch Zeichen an Hauswänden, wo etwa was zu holen war und wo und aus welchem Grunde man lieber nicht nachfragen sollte. Schließlich gab es noch die 'Sslichernerzinken'. mit denen ein Verräter im Gesicht meist in Form eines Messerstiches markiert wurde. Es ist offensichtlich, daß die Existenz eines derartigen umfassenden, wenn auch einfachen Kommunikationsmittels nur sinnvoll sein konnte, wenn diejenigen, die es anwandten, eine Einweisung in seine Feinheiten erhalten hatten.

Die Kenntnisse und Fähigkeiten der Banditen sind zweifellos nicht nur als individuell angeeignete und entwickelte Fertigkeiten anzusehen, sondern waren oftmals das Resultat der Ausbildung innerhalb der Banden. Schwartzmüller gab z.B. an, sie hätten regelmäßige Zusammenkünfte nicht nur im Rahmen der eigenen Bande abgehalten, sondern sie seien auch als Instrukteure bis nach Böhmen oder gar an den Rhein gezogen. Der junge Mahr berichtete vom Training der Bande, das sich auf alle Eventualitäten eines Verhörs bezog:

Sie machten auch die kleinen Buben unter ihnen dadurch hart, daß sie denselben die fördern Glieder an denen Fingern in besonders darzu verfertigte eiserne Schrauben, die die Schmidte machten, klemmeten, bis sie gar platt würden; auch steckten sie ihnen zwischen die 2. Beine des letztern Glieds am ersten Finger ein Messer, wie ihm deme beydes geschehen... Wenn nun einer nicht sehr dabey schrie, so sagten die Spitzbuben, er würde die Tortur ausstehen: schrie er aber, so sagten sie: das würde ein Kapphanns, oder Verräter, wie sie denn auch solches von ihm gesaget. Vor die grossen Pursche hätten sie ein ander Instrument, und geschehe solches meistens in einem grossen Wald, wo das Schreyen nicht gehöret werden könnte.

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Auch von Nickel List wurde berichtet, er habe alle Folterinstrumente in seinem Hause gehabt und habe nur diejenigen in seiner Umgebung geduldet, die die verschiedenen Grade der Tortur hätten aushalten können...

Die Organisation der Banden etwa um 1750 und früher kann beispielsweise zu Vergleichen mit den Handwerkszünften herausfordern. 'Zünftige' Ausbildung war in beiden Fällen Grundlage für die eigenständige Form der Gemeinschaft. Eine Aufnahmeprüfung in die Bande erschien als Nachahmung der Gesellenprüfung, der Spitzbubeneid als Abwandlung zunftmäßiger Gelöbnisse, gewisse Äußerlichkeiten des Bandenzeremoniells schienen von Lehrlingsriten herzustammen.

Neben dem richtigen Verhalten bei der Tat war das Verhalten in der Untersuchung wichtig. Man dürfe sich keinesfalls zum »   Schlichenen d.h. zur Ablegung eines Bekenntnisses verleiten lassen«, müsse vielmehr beharrlich leugnen. Die Strafe bringe das Mitleid der Genossen, »...aber vor Gericht ein Geständnis abzulegen, oder gar andere Diebesgenossen zu verrathen, dies ist in ihren Augen die schimpflichste aller Handlungen, und wer sich diese zu Schulden kommen ließ, der darf ihrer aller Verachtung, ihrer wüthendsten Verfolgung gewiß seyn«.

Selbstverständlich wurden dem jungen Räuber nicht nur Kenntnisse vermittelt, die es ihm ermöglichten, sich gegen die Obrigkeit zu behaupten. Hauptzweck war es, zu verhindern, daß man überhaupt in die Hände dieser Obrigkeit fiel. Er spezialisierte sich daher schon frühzeitig auf eine oder mehrere Raub- und Diebstahlsarten. Die jeweils erforderlichen 'Kunstgriffe' eignete er sich durch längeres Training an und war dadurch wohlgerüstet für eventuelle Gegenmaßnahmen der Behörden oder der Opfer selbst.

Verstellungskunst und Hartnäckigkeit einzelner Banditen mußten die Justizbeamten zeitweilig geradezu verzweifeln lassen. Der Inquisit Gottlieb Gring erwähnte in seinem Geständnis, das 1750 in Memmingen veröffentlicht wurde, offenbar mit heimlichem Vergnügen einen ca. siebenundzwanzigjährigen Banditen namens Andreas. »Er seye zwar stockblind, laufe aber dannoch ganz allein im Land herum, und sehe zum Stehlen scharf genug. Habe zu Zeiten 2. Terzerols bey sich geführt, und seye schon zu Schramhausen ... lang in Verhafft gesessen, wo ihme auch der Flaschenzug [Streckfolter] applicirt worden seyn solle, aber ohne Würckung.« Dieser Andreas konnte also als vorgeblich Blinder kaum in Verdacht geraten, Dieb oder Räuber zu sein. Andererseits war er gut bewaffnet, um sich notfalls, wenn die Verstellung durchschaut wurde, seiner Haut wehren zu können oder einen Raub erfolgreich durchzuführen. Und fiel er trotzdem in die Hände der Justiz, dann war er auch noch abgehärtet genug, um die Folter zu überstehen. Derart vorbereitete Spezialisten hätten auch besser ausgebildete Beamte und eine zweckmäßiger aufgebaute Justizorganisation, als sie um 1750 bestand, vor Probleme stellen können.

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Verschiedene Arten des Zinkens

Beitrag aus Friedrich Avé-Lallement und Christian Benedict, Das deutsche Gaunertum, Leipzig 1858 - 1862, ND Wiesbaden o.J. (um 1976/77)

Das Zinken

Das Wort: der Zink oder Zinken bedeutet allgemein jede geheime Verständigung durch Laute, Gesten, Mienen und graphische Merkzeichen, und wird daher von Thile mit: Wink, Zeichen, Bezeichnung richtig übersetzt. Es ist von dem lateinischen signum, französisch signe abzuleiten. Der Bedeutung des Wortes Zinken entsprechend, ist das mit dem deutschen Schreck in Verbindung zu setzende jüdisch-deutsche schreko vom hebräischen Ursprung, er hat gezischt, gelockt, gewinkt, wovon schrecken, auch sriken, Zischen, durch Zischen herbeirufen, winken, und Schrecken und Sriker, der zur Unterstützung des Schottenfellers (Ladendiebes) mit in die Läden geht.

Das Wort Zink - in der heutigen Volkssprache bedeutet Zinken die Nase - ist dem Liber Vagatorum und der alten rotwelschen Grammatik fremd. Man findet den Begriff zuerst in dem "Hildburghauser Verzeichnis von 1753" als Kompositum, Zinkenplatz, d.h. Ort, wo sich die Diebesbande hinbestellt, und Zinkenstechen, d.h. Lärm zum Abmarsch machen, rufen, einem etwas zu verstehen geben, auf einen gewissen Ort hinbestellen. Die rotwelsche Grammatik von 1755 hat diese Terminologie aufgenommen. Dem Judendeutsch ist der Ausdruck fremd, obgleich er den jüdischen Gaunern vollkommen geläufig ist. Auch wird durchgehends die ganze Personalbeschreibung ein Zinken, das Signalisieren einer Person abzinken und der Steckbrief Zinkfleppe genannt.

Schon aus der sprachlichen Bedeutung des Zinken ersieht man, welch großen Komplex von Verständigungsmitteln das Zinken umfaßt. Man kann kaum alle diese Mittel darstellen und einteilen, zu deren Kenntnis dem Polizeimann oder Gefängnisbeamten vorzügliche Gelegenheit geboten wird. Gerade in der Bedrängnis wuchert der gaunerische Geist an Behelfen herauf, von denen man auf den ersten oberflächlichen Anblick keinen Begriff hat, und gerade in Vorhalten oder bei den immer höchst gewagten Gegenüberstellungen gaunerischer Gefangenen nimmt der scharfe Beobachter psychologische Momente wahr, die ihn zum Erstaunen, ja oft zur Bewunderung hinreißen. Trotz der gleichmäßigen Schule und Ausbildung, trotz des feinsten Verständnisses aller Gauner unter sich, ist und bleibt jeder einzelne Gauner nach seiner Persönlichkeit immer doch noch ein eigener Lehrsatz, der von dem genau beobachtenden Polizeimann so klar begriffen werden kann, daß er jeden Gauner für ein Original erklären muß und kaum eine Analogie von einem Gauner auf den andern zu ziehen wagen darf. Ein Gauner versteht am andern jede Bewegung des Auges, Mundes, jede Stellung der Füße, jede Regung eines Fingers, jeden Griff an Hals, Mund, Haar, jedes Räuspern, Husten, Nießen, wie scheinbar unwillkürlich und wie natürlich alles zum Vorschein gebracht werden mag. Einem Räuber, den ich zum Geständnis gebracht und der mir auch den wirklichen Namen seines mitgefangenen Genossen genannt hatte, wußte dieser bei der Gegenüberstellung, ungeachtet der schärfsten Beobachtung, so sehr durch ein starkes Atemholen zu imponieren, daß jener die gemachten Geständnisse in seiner Gegenwart nicht zu wiederholen wagte, aus Furcht, wie er später eingestand, daß er einmal als Sslichner ermordet werden würde.

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Die Jagdzinken

Unter den Zinken, die eine gleichmäßige und systematische Ausarbeitung haben, sind zunächst die Jagdzinken (Fehmzinken oder Grifflingzinken) zu merken.

Es sind dies Zeichen, die mit der Hand oder eigentlich mit den Fingern gemacht werden. Diesen Jagdzinken liegt das einhändige Alphabet der Taubstummen zugrunde. Man findet viele Gauner, die, ohne taubstumm zu sein, sich die Handsprache vollständig zu eigen gemacht haben, da die Hand mit ihrer stillen und doch lebendigen Sprache, selbst in Gegenwart Dritter, ein genaues Verständnis vermitteln, und wo der tönende Mund geschlossen bleiben muß, durch eine geringe Öffnung, durch Fenster und Gitter lautlos kaspern kann. Das Jagdzinken ist die optische Telegraphie des Gaunertums, die der Polizeimann genau kennen muß, um sie beobachten und verhindern zu können.

In meiner Polizeipraxis hat mir diese Kenntnis manchen Nutzen, namentlich bei Entlarvung von Simulanten, gebracht, die nicht auf diese Verständigungsform eingehen konnten. Auch die ganze Menge der mit eigentümlicher Lebendigkeit und mit scharfer Form vorgebrachten Gesten und Manipulationen der Taubstummen ist dem raffinierten Gauner bekannt.

Besonders wird noch als Zinken ausgebeutet das Schreiben von Wörtern mit dem Finger in die Luft, so daß der Genosse die Buchstaben als Spiegelschrift erblickt, oder auch das Schreiben mit dem Finger in die offene Hand des Genossen, in die die Buchstaben streifend hineingeschrieben und durch das Gefühl aufgefaßt werden, was besonders im Dunkeln und in Gegenwart Dritter ein vollkommen ausreichendes Verkehrsmittel ist.

Die Kenzinken

Von der Kenntnis des Handalphabets der Taubstummen, die das heutige Gaunertum besitzt, ist ein Beweis der allgemein gewordene Kenzinken - Ken = jüdisch=deutsche bejahende Partikel - oder Kundezinken, der besonders in wittschen Wirtshäusern, wo der Gauner seine Umgebung nicht kennt, und besonders beim Haddern (Karten-spiel) und sonstigen Spielen, Wetten und Kunststücken angewandt wird. Will der Gauner einen Genossen ausfindig machen, so schließt er die Hand zur Faust, so daß die Daumenseite nach oben kommt, streckt den Daumen gerade aus gegen den gekrümmten Mittelfinger und hält den Zeigefinger in leichter Krümmung über dem Daumen, ohne jedoch diesen damit zu berühren. Damit wird der Buchstabe C gebildet, und aus der in dieser Haltung wie absichtslos auf den Tisch  gelegten Hand weiß jeder anwesende Gauner, daß er einen Genossen, Chessen, vor sich hat. Undeutlicher (wahrscheinlich aus dem F, G oder K verstümmelt) ist das andere allgemeine Erkennungszeichen, das darin besteht, daß der spähende Gauner mit dem gekrümmten Zeige- oder Mittelfinger die Spitze des gestreckten Daumens berührt und den Ringfinger und kleinen Finger gerade und frei ausstreckt.

Noch ein wichtiger Kenzinken, namentlich auf der Straße, ist der Scheinlingszwack oder das Scheinlingszwickeln - vom deutschen Zwicken, Zwacken - der eigentümliche Blick mit einem Auge. Beim Begegnen eines auszuforschenden Unbekannten schließt der Gauner das Auge auf der Seite, an der der Begegnende geht, und blickt mit dem anderen Auge über die Nasenwurzel hinüber, worauf der kundige Gauner diese Fratze erwidert, sich mit Sicherheit nähert und die persönliche Bekanntschaft anbahnt. Auf Landstraßen, besonders aber auf Jahrmärkten und Messen hat man häufig Gelegenheit, diese komische Fratze zu sehen, die von vielen als bloßes Produkt des Mutwillens oder der Trunkenheit angesehen und mit verwundertem Lächeln aufgenommen wird. Andere Kenzinken, wie das Tragen des Stockes unter dem linken Arm, oder das Einstecken des Stockes quer durch oder über den Reisesack, sind weniger verlässig und üblich und führen, da sie anderen volkstümlichen, besonders zünftischen Bräuchen ähneln, häufig zu Irrungen, die für den Gauner bedenklich sein können. So z.B. pflegen die Zimmergesellen nur mit dem quer durch den Reisesack gesteckten Stock und mit einem gelösten Riemen des Reisesacks in eine Stadt einzuwandern. Die Drechslergesellen legen in der Herberge oder Werkstätte die Hand auf den Tisch oder auf die Drehbank, stecken den Hut auf den Stock, legen die Hand flach an den Kopf und sagen: »Hui, Geselle!« usw. Fast jede Zunft hat ähnliche Gebräuche und geheime Kennzeichen. Deshalb sind denn auch jene alten Gaunerzeichen, die ohnehin in ihrer Bedeutsamkeit allgemein bekannt geworden sind, mehr und mehr abgekommen, wie z.B. beim Zutrinken oder beim Anbieten einer Prise die leicht hingeworfene Frage: »Kunde?« oder »Ken Cay«, worauf die Antwort ist: »Ken Matthies« oder »Ken Cay«.

Die graphischen Zinken

Außer diesen systematischen Zinken, die unmittelbar von Person zu Person gebraucht werden, gibt es noch eine Menge anderer Zinken, die einen mehr allgemeinen monumentalen Charakter tragen, jedoch ebenso genau, wie jene direkten Zinken das Verständnis vermitteln. Jeder Gauner hat sein bestimmtes Zeichen, gleich einem Wappen, das von seinen Genossen so geachtet wird, daß keiner es nachzuahmen wagt, da er sich sonst der blutigsten Rache für die schwere Ehrenkränkung aussetzen würde. Die schwerste Beleidigung ist das Hinzeichnen eines Gaunerzinkens an einen Galgen, Schandpfahl oder Halseisen, während wiederum die Abtritte und andere ekle Orte gerade am meisten zum Zeichnen der Zinken dienen und auch zu diesem Zwecke besucht werden. Bald ist es ein Tier, wie ein Pferd, Hund, Fuchs, Ziege, Schwein, Schaf, Hahn, Ente, Eule, usw., bald ein Kreis, Oval, Viereck, Dreieck, bald ein Kreuz mit diesem oder jenem Beiwerk, wie z.B. mit einer Schlangenlinie durchwunden. So enthalten z.B. die Akten des Justizkollegiums zu Erlangen von 1765-66, in der großen Untersuchung gegen die Gaunerin Kirschner und deren Sohn Günner, das rohe Zeichen der Kirschner:

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Bei dem Einbruch im Hause des Bauernhausbesitzers Matthias Diete zu Gerstberg, Bezirk Amstetten in Niederösterreich, am 28. Juli 1856, hatte der Einbrecher unterhalb des Fensters, dessen Gitter weggerissen worden war, den beistehenden Zinken mit Rotstift aufgezeichnet.

dazu wird es bald Abbildungen geben, die diese Zeichen illustrieren.

Der allgemeine Diebeszinken ist ein Schlüssel, durch den ein Pfeil geht:

 

Es finden sich aber auch einzelne landsmannschaftliche Zinken, wie z.B. der Stuttgarter Zinken:

 

Auch für einzelne Gaunergewerbe finden sich Zinken. So kommt noch in der Untersuchung gegen die Kirschner ein unbekannter, wahrscheinlich aber allgemeiner Bettlerzinken vor:

 

Als Zinken für Hochstapler auf Adelsbriefe findet sich nachstehende Figur:

 

Die Zinken für fechtende Studenten sind zwei Hieber mit einem Pfeil gekreuzt:

 

Die auf falsche Würfel reisenden Spieler (Kuwiostoßen) haben nachstehenden Zinken (Fig. a); die falschen Kartenspieler (Freischupper) der Zinken (Fig. b). Auch gibt es Zinken, die einen allgemeinen Begriff oder eine spezielle Besorgnis ausdrücken, z.B. die Befürchtung der Gefangenschaft (Fig. c).

 

 

                              a                                                               b                                                         c

 

Der Zinken, der die gelungene Tat anzeigt, ist meistens ein Strich mit einer Schlangenlinie durchwunden, deren Ende gewöhnlich auf die Richtung zeigt, in die die Gauner abgezogen sind,

 

oder ein Anker, dessen Kabelende dazu dient, die Wegrichtung anzudeuten. Dieser Zinken wird gewöhnlich dicht am Tore der Stadt oder des Gehöftes oder am Ausgange, den die Gauner aus dem erbrochenen Verschluß genommen haben, gezeichet. Auch wird endlich wohl noch das Datum der Tat oder der Passage neben den Zinken gesetzt, z.B.

Auch die Petschafte und Siegelringe werden die Zinken mit heraldischem Beiwerk gestochen. Die Gravierungen werden von den Gaunern selbst gefertigt, die mit ihrer Kunst auch vielfach die Jahrmärkte beziehen, wo sie mit Leichtigkeit die bestellten Gravierungen sofort ausführen, wenn man auch die Sauberkeit und die von gründlich gebildeten Graveuren stets berücksichtigten allgemeinen heraldischen Regeln daran vermißt. Das Siegel des Krummfinger Balthasar war nach Schwarzmüllers Beschreibung »vor der Größe eines Kayser-Guldens und hatte, statt der Armaturen, Pistolen, Pulverhorn, Funckschure, Schoberbartel u. dgl., in der Mitte aber einen Mann mit einem Diebsack«. Die Umschrift lautet: »Bin ich ein tuaf Cafer, der dem Cafer seine Schure bestieben kan.« Das mir jüngst in einer Untersuchung vorgekommene Siegel einer als Gräfin reisenden Gaunerin ist einen halben Zoll hoch und drei achtel Zoll breit, achteckig, mit französischem Schild, durch dessen Pfahlstelle der Pfeil gerade aufsteigt. Das Herz der Schilder ist mit einem runden Kreise bedeckt, durch den der Pfeil geht, und über den auch, gegen die Regel, die roten Linien des ganzen Schildes laufen. Auf dem Schilde ist ein königlicher Helm, der als Schmuck einen Fuchs trägt. Das Siegel ist schlecht und unregelmäßig gestochen.

Die Zinken werden mit Kohle, Kreide, Rotstift, Bleistift an den Gebäuden, Kirchen, Klöstern, Kapellen, Scheunen, Wirtshäusern, die an der Landstraße liegen, angebracht. In den Wirtshäusern findet sich der Zinken oft an oder neben der Tür. Oft wird der Zinken in einen Balken des Wirtshauses, oder in einen nahen, oder auf dem Felde, oder abgesondert nahe am Wege stehenden Baum oder auch Meilenzeiger, Landstraßen- und Schlagbaum eingeschnitten. Am meisten werden die Zinken in den Abtritten der Wirtshäuser und Bahnhöfe gezeichnet, ebenso an einzelstehenden Pavillons, Balkonen, Balken oder Türmen, an den Enden öffentlicher Gärten und Belustigungsorte. Auch in und an Kirchen, Kapellen und Klöstern, besonders wo in letzteren am meisten Almosen verabreicht werden, dienen die Mauerwände zum Aufzeichnen von Zinken. Vorzüglich noch werden an der Teilung von Wegen mit dem Stocke Zinken in den Sand gezeichnet. Im Winter werden sie in den Schnee geschrieben.

Von diesen Gaunerzinken heißt es im ersten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts: »In denen Wirths-Häusern, wann sie fortgehen, machen sie gewisse Zeichen, daß die andern, welche nachkommen, daran erkennen, was vor einen Weg sie genommen, wohin sie gegangen und wieviel ihrer gewesen; das Zeichen sehe also aus:

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Davon bedeutete der obere Spitz, wohin sie marchirt; das Strichlein, welches durch den langen Strich gehe, bedeute einen Mann, dasjenige, welches nicht gar durchgehe, ein Weibs-Bild; das überzwerche ein Kind, und das untere Ringlein einen Hund.«

Der Auslauf einer Schlangenlinie, oder besonders die Spitze eines Pfeiles, deutet die Richtung des eingeschlagenen Weges an. Ein oder mehrere Knoten in den Weidenzweigen am Wege, ein flatterndes Band oder Bindfaden mit Knoten, oder ein Stück Papier mit Strichen, eine oder mehrere Strohschleifen an Gebüsch und Baum in der Nähe des Weges, namentlich kurz vor Dörfern und Städten, zeigt den Durchzug und die Zahl der vorübergezogenen Genossen an. Sehr häufig wird neben dem Weg ein abgeschnittener Busch oder Zweig hingelegt, dessen Schnittende auf die eigeschlagene Richtung zeigt, und in dessen Stamm jeder Genosse eine Kerbe schneidet, um den nachfolgenden die Zahl der bereits Vorübergegangenen anzugeben.

Will ein Gauner, der mit seiner Chawrusse versprengt war oder aus dem Zuchthause entlassen ist, seine Rückkehr und Anwesenheit anzeigen, so zeichnet er seinen Zinken an irgendeine bekannte Stelle mit dem Datum hin, und verläßt sich darauf, zur bestimmten Zeit oder mindestens bei dem nächsten Neumonde seine Kameraden oder doch einen Teil von ihnen an dem Platze zu finden. Will er andeuten, wohin er sich gewendet hat, so fügt er seinem Zinken den Pfeil oder die Schlangenlinie hinzu. Schon Schäffer gibt eine interessante Zeichnung und Beschreibung eines komplizierten Gaunerzinkens, wodurch die Gegenwart des Gauners, seine Begleitung und Wegrichtung genau angegeben wird.

Neben dem Gaunerzinken wird der die Wegrichtung bezeichnende Strich gezogen.

 

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Die oberhalb des Striches angebrachten Haken bedeuten die Männer, die unteren die Weiber; die Kinder werden mit Nullen bezeichnet. Die oberhalb des Striches gezeichneten Nullen sind die Kinder des Wappeninhabers, die unterhalb des Striches Kinder anderer Gauner. Vielfach werden auch die Männer mit kleinen Querstrichen, die Weiber mit Nullen bezeichnet.

Der Strich a neben dem Zinken des Gauners bedeutet seine Person, b ist seine Frau oder Geliebte, c ein Kamerad, d eine mit ihm nicht verbundene Gaunerin, e und f ein anderes Gaunerpaar, g und h die Kinder des Gauners, i und k die Kinder eines anderen Gauners.

Bei den niederländischen Banden war es üblich, daß an jedem Kreuzwege der erste vorübergehende Gauner einen langen Strich in den Weg zog und einen kleineren daneben, wobei der kleinere dazu diente, die eingeschlagene Richtung zu bezeichnen. Jeder Nachfolgende machte ebenfalls einen Strich, so daß der neu herankommende immer sehen konnte, wie viele schon vor ihm da waren.

Diese gezeichneten Zinken sind schon sehr alt. Sie lassen sich schon nach den lombardischen Noten bei Vulcanius bis in das fünfte Jahrhundert zurückdatieren, von welcher Vulcanius aus den Überresten eines uralten Manuskriptkodexes höchst interessante Charaktere mitteilt, die mit ihrer Bezeichnung allgemeiner, appellativer und topischer Begriffe weit über alphabetische Abkürzungen hinausgehen und sich schon der heraldischen Deutung nähern. Ähnliche heraldische Zeichen finden sich in alten Handschriften und in Inkunabeln, wo meistens sie es sind, die Auskunft über Drucker und Druckzeit geben. Man darf auch nicht die zahlreichen kabbalistischen und Zaubercharaktere übersehen, in denen die Zeichen vorzüglich ausgebildet erhalten und meistens auch zum Betruge ausgebeutet worden sind. Man findet in den alten Zauberbüchern für jeden Dämon ein bestimmtes Zeichen, das vom Erfinder sehr geheimgehalten und oft für ungeheure Summen verkauft wurde. Noch jetzt findet man auf den fliegenden Blättern der Bänkelsänger und Taschenspieler, die zumeist ihre besonderen Holzschnitte bei sich führen, eine Andeutung geheimer und mindestens spezifisch eigentümlicher Zeichen. Sie werden, natürlich in verschiedenartigster Form, noch heute in Anwendung gebracht.

Der abergläubische Bauersmann geht scheu an diesem Zinken vorüber; teils erblickt er in den Knoten der Weidenzweige ein sympathetisches Mittel gegen das Wechselfieber, teils irgendeine andere sympathetische Kur, bei deren Störung er die gebannte Krankheit anzuerben fürchtet, teils findet er in den an Kreuzwegen in Sand oder Schnee gezeichneten Zinken Zauber- und Hexenkreise, deren Berührung ihm Gefahr oder Tod bringen könnte. Deshalb werden die Zinken von niemand mehr beschützt, als von dem abergläubischen Landmann, zu dessen Schaden sie doch gerade dienen. Der Zerstörung solcher Zinken, selbst wenn sie noch so unscheinbar sind, muß jedem Sicherheitsbeamten zur Pflicht gemacht werden. Selbst das Beschreiben der Kirchenwände usw., das von den Handwerksburschen mit besonderer Liebhaberei betrieben wird, sollte strenger als bis jetzt geschehen, verboten und bestraft werden. Sogar in Gefängnissen finden sich solche Inschriften und Zinken, die, teils ihrer mühsamen, teils ihrer häufig sauberen Darstellung wegen, von den Gefangenwärtern mit einer Art Pietät erhalten werden, ohne daß bei ihrer scheinbaren Unverfänglichkeit oder Unverständlichkeit (ich habe sogar jüdisch-deutsche Kurrentschrift gefunden) die Verfänglichkeit in einzelnen, besonders gezinkten Lettern bemerkt wurde.

Die phonischen Zinken

Auch die Nachahmung von Tierstimmen ist noch ein unter den Gaunern gebräuchlicher Zinken, besonders zur Nachtzeit und zum Fernsignal in Feld und Wald. Von den Chouans ist durch die niederländischen Banden das Eulengeschrei, das ja auch das hauptsächlichste Signal der Indianer in den Waldungen Nordamerikas ist, nach Deutschland gebracht worden. Das Pfeifen, Rufen oder Räuspern verrät den Menschen nur zu deutlich, während das geschickt nachgeahmte Eulengeschrei bei seiner Unheimlichkeit den Hörer eher verscheucht als zur Nachforschung und zum Angriff herbeizieht. Andere Tierstimmen, z.B. Wachtelruf, Hahnenschrei, Hundegebell usw. werden zwar auch, jedoch seltener und immer mit großer Vorsicht, gebraucht.

Noch andere hörbare Zinken, wie das Schnalzen mit der Zunge, Händeklatschen, Husten, Niesen u. dgl., auch der kurze Ruf "Lampen!" oder "Heraus!" oder "Lewon!", oder auch, besonders in Norddeutschland: "Mondschein!", "Mahndschien!", oder wie früher bei den niederländischen Banden: "Husar du Stroh!" usw., sind verabredete Parolen, die für jedes einzelne Unternehmen oder für eine bestimmte Verbindung verabredet und angewandt werden, um die Aufmerksamkeit der Genossen zu erregen oder sie zur Flucht bei nahender Gefahr aufzufordern.

Die Sslichnerzinken

Sslichner kommt von (hebr.:) Ssolach, er hat vergeben. Bekanntlich sagen die Juden acht Tage vor dem Neujahr (Rosch Haschono) bestimmte Gebete, Sslichos, her um andauernde Vergebung der Sünden. Das Sslichnen entspricht der christlichen Beichte und ist vom Gaunertum auf das Geständnis vor Gericht und überhaupt auf den Verrat der Verbrechergeheimnisse übertragen.

Es ist schon erwähnt worden, wie blutig der Genossenverrat am Sslichner gestraft wird. Diese Ermordungen kamen noch im ersten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts sehr häufig vor. Ein solcher Ermorderter hatte den eigentümlichen Namen »Horeg«. Die Gaunergepflogenheit ist jedoch hierin milder geworden, und die Rache begnügt sich meistens damit, den Sslichner zu zinken, das heißt, ihn derb in die Wange zu schneiden, damit an der zurückbleibenden Narbe der so gezinkte Sslichner der ganzen übrigen Genossenschaft als Verräter gekennzeichnet bleibe.

Dieser Sslichnerzinken scheint jedoch ebenfalls in Abnahme gekommen und einem derben Durchprügeln gewichen zu sein. Von letzterer Praxis sind mir manche schwere Fälle bekannt geworden; aber nur ein einziges Mal habe ich einen alten jüdischen Vaganten getroffen, dessen starke Narbe auf der linken Wange die Vermutung eines Sslichnerzinkens zuließ.

Klopfzeichen

Man kann sich sicher auch mit Klopfzeichen verständigen. Solches wird nicht nur in der Literatur wiedergegeben (siehe z.B. "Der Graf von Monte Christo"), auch die echten Knackis müßten wohl einen Code haben. Sie wurden ja auch weiter oben erwähnt. Aber wie gehen sie wirklich? Henning meint dazu, daß der Morsecode hier wohl etwas zu umständlich sein dürfte beim Klopfen an Wasserrohren oder anderen hörbaren Stellen. Wer darf wann »senden«? Hat hier jemand (einschlägige) Erfahrung?

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Das Thema "Zinken" kann natürlich auch noch in größerem Rahmen diskutiert und weiterentwickelt werden. Ich verkneife mir Kommentare aus Platzgründen. Bedenkt aber bitte bei aller Kritik an den teilweise sehr alten Quellen und Zitaten, daß man damals über die Außenseiter der Gesellschaft anders gedacht hat als heute beispielsweise, wenn man sich den "Hotzenplotz" reinzieht, oderso... DEG

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